Erfurt will mit jüdisch-mittelelterlichem Erbe auf Weltkulturerbeliste

Jüdische Kultur, Musik, Festtage, Ausstellungen, koscheres Essen – ein Jahr lang feiert Deutschland die Vielfalt jüdischen Lebens seit genau 1700 Jahren. Anlass ist ein römisches Gesetz aus dem Jahre 321, ein Dekret von Kaiser Konstantin. Jüdische Bürger durften demnach in den Kölner Stadtrat berufen werden. Das ist die früheste erhaltene schriftliche Quelle jüdischen Lebens in Europa nördlich der Alpen.

Die Stadt Köln bewirbt sich wie auch Erfurt mit seinem jüdischen Erbe in diesem Jahr um Aufnahme in die begehrte Weltkulturerbeliste der UNESCO. Mit der Alten und Kleinen Synagoge, mit der Mikwe und dem jüdischen Goldschatz mit dem Hochzeitsring als Abbild des Jerusalemer Tempels sowie den Aktivitäten der Jüdischen Kultusgemeinde in Thüringen gibt es für mich keinen Zweifel, dass Erfurt den von der UNESCO geforderten „außergewöhnlichen und universellen Wert“ voll und ganz erfüllt.

Ende Februar hat Bundespräsident Steinmeier in der Kölner Synagoge das Jubiläumsjahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland eröffnet. Mit etwa 1.000 digitalen und realen Veranstaltungen und einer Wanderausstellung  in Deutschland soll ein Zeichen gegen den zunehmenden Antisemitismus nach dem Menschheitsverbrechen der Shoa gesetzt werden.

Zur jüdischen Landesgemeinde Thüringen pflege ich seit vielen Jahren enge Kontakte. Gedenkstunde Reichspogromnacht am 9. November 2020. (Foto: Europabüro)

Mit meiner Teilnahme an zahlreichen Veranstaltungen der Jüdischen Landesgemeinde habe ich seit Jahren meinen Respekt vor dem neu aufblühenden jüdischen Leben bei uns in Thüringen zum Ausdruck gebracht. Ich werde immer wieder dem Antisemitismus und Rassismus die Stirn bieten. Das jüdische Leben in Deutschland bereichert unsere Gesellschaft.

Es stimmt mich optimistisch, dass es nach der Shoa wieder ein blühendes jüdisches Leben in Deutschland gibt. Heute leben etwa 150 000 jüdische Mitbürger in Deutschland. Sie sind ein wertvoller Teil unseres Landes.

Wo immer  ich Antisemitismus begegne, erinnere ich an bekannte historische Persönlichkeiten deutsch-jüdischer Abstammung, etwa an Albert Einstein, Else Lasker-Schüler, Heinrich Heine, Felix Mendelssohn Bartholdy, Hannah Arendt, Karl Marx und Berta Pappenheim.

Wir feiern in diesem Jahr noch ein zweites 1700-Jahresjubiläum: Kaiser Konstantin erließ ebenfalls im Jahr 321 ein Edikt mit der Vorgabe, „alle Richter, Stadtleute und Gewerbetreibende sollen am verehrungswürdigen Tag der Sonne ruhen“. Also 1700 Jahre arbeitsfreier Sonntag.

Da kommt mir ein kluger Satz des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss in den Sinn.  Er hatte ein klares Bild von Europa. Dieser Kontinent sei auf drei Hügeln erbaut: Golgotha stehe für Frieden, die Akropolis für Demokratie und das Kapitol in Rom für eine klare Rechtsordnung.

Ja, Jerusalem, Athen und Rom, diese Trias hat Europa seine kulturelle und religiöse Prägung gegeben. Aus dem Judentum ist das Christentum hervorgegangen. Die Hebräische Bibel hat Eingang in die christliche Bibel gefunden. Griechenland verdankt Europa die Philosophie. Der römischen Antike verdanken wir die Rechtsordnung. Dem Christentum verdankt Europa sein Wertefundament.

Ich finde schade, dass Polen und Ungarn es mit dem Prinzip der in der EU gebotenen Rechtsstaatlichkeit nicht so genau nehmen. Das ist für mich unakzeptabel. Ungarn hat zuletzt erste Konsequenzen mit dem Austritt der Fidesz-Partei aus der EVP-Fraktion gezogen. Vielleicht gibt es wieder ein Comeback. Unsere Türen bleiben offen. Doch unsere europäischen Werte sind nicht verhandelbar. Wer das Fundament aushöhlt, zerstört das ganze Haus. Wer den Beitrittsvertrag zur EU unterschreibt, muss diesen einhalten. Oder nach Römischem Recht: pacta sunt servanda, Verträge sind einzuhalten.